Archiv für November 2008

Das Kino

Mittwoch, 12. November 2008

… wie Ihr ja sicherlich auch mitbekommen habt:
Das Centralkino in der Marienstrasse/Lingen hat den Betrieb wieder aufgenommen.
Ich habe es natürlich schon selbst getestet und für gut befunden.
Nebenbei: das Popkorn war sehr lecker und auch preiswert.
Klaus musste Nachschub organisieren 😉

Hier für alle, die Lust auf ein Kino
der etwas anderen Art haben
der Link:
http://www.centralkino-lingen.de

Die Kneipe

Mittwoch, 12. November 2008

Zwischen Umsturzgedanken und gediegenem Rausch. Kleine Geschichte der Kneipe

Zu den liebsten Freizeitbeschäftigungen des gemeinen Mitteleuropäers, egal welchen Standes, zählt von jeher der Besuch öffentlicher oder halböffentlicher Räume, in denen es gesellig zugeht und das Bier in Strömen fließt. Im Mittelalter soff das Volk allerdings streng getrennt nach gesellschaftlicher Stellung. Vornehme fand man in Patrizierstuben, den Mittelstand in Zunftstuben, während der Pöbel sich in Schenken vergnügte, die als einzige für jedermann zugänglich und deshalb weniger gut beleumundet waren. Bereits 1310 führte man in München eine Polizeistunde ein, um die ?Ansammlung von Gesindel” und die Störung der öffentlichen Ordnung zu unterbinden. Die heutige Kneipe ist aber eine Erfindung der Neuzeit, auch wenn sie auf die Schenke der niederen Stände zurückgeht ? auf die Kneipschenke nämlich, wie man seit dem 18. Jahrhundert eine kleine, überfüllte und in ähnlich zweifelhaftem Ruf wie etwa die Kaschemme oder die Spelunke stehende Gaststätte nannte.
Als mit der Industrialisierung seit dem 19. Jahrhundert Millionen von Habenichtsen in die Städte strömten und sich dort als Industriearbeiter verdingten, entstand die Arbeiterkneipe und mauserte sich bald zur überragenden Institution proletarischer Kultur. Der Gang in die Schankwirtschaft ¬ deren Mobiliar sich in den Arbeitervierteln zunächst lediglich auf einen Tresen beschränkte, an dem man stand, trank und quatschte ¬ war nicht zuletzt eine Flucht aus beengten Wohnverhältnissen und für Tagelöhner auf Arbeitssuche unverzichtbar. Aber der Kneipenbesuch diente natürlich auch der Unterhaltung und bot die Möglichkeit, sich mit Schicksalsgenossen auszutauschen. Anfangs ein Ort, an dem desaströses Branntweinschütten exekutiert wurde, entwickelte sich die Kneipe zu einer Einrichtung, in der man sich beim Bier, in einen gediegenen Rausch politisierte. Ohne die Kneipe hätte sich das Proletariat gar nicht als eigenständiges Subjekt konstituieren können.
Neben dem proletarischen Stehausschank gab es noch die von Handwerkern frequentierte, von der Obrigkeit etwas besser angesehene Eckkneipe mit Stühlen und Tischen. Mit der flächendeckenden Verarmung der meisten Handwerker verschmolzen beide Gastronomieeinrichtungen gewissermaßen und brachten die heute bekannte Arbeiterkneipe als hegemoniale Erscheinung in den Industriestädten hervor.
Mit der Zeit wandelten sich sowohl Interieur als auch Größe der Kneipen. Waren sie zuerst noch sehr schäbig und heruntergekommen, dienten sich bald die Brauereien an, gaben Geld für Einrichtungen, brachten so viele Wirte in ihre Abhängigkeit und sorgten außerdem für eine gewisse Uniformität der Arbeiterkneipen. Die Brauereien strebten nach immer größeren Gaststätten, was dem Interesse der Arbeiterbewegung an Versammlungsorten sehr entgegenkam, besonders nachdem infolge der Sozialistengesetze ihre wichtigsten Organisationen verboten worden waren. In allen Arbeitervierteln entstanden deshalb Kneipen mit Hinterzimmern und mancherorts gar regelrechte Saalbauten, die für Feste aller Art ebenso geeignet waren wie für umstürzlerische politische Versammlungen. Das Bündnis der Arbeiterbewegung mit den Brauereien und den Kneipern war allerdings brüchig. Immer wieder gab es Kneipen- oder Bierboykotte der saufenden Arbeiter, etwa, wenn Gastwirte in ihren Räumen keine politischen Veranstaltungen zulassen wollten oder wenn Brauereien Entlassungen vornahmen, Lohnerhöhungen oder eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen ablehnten.Nach dem Ersten Weltkrieg blieben die Kneipen wichtigster Ort der politischen Willensbildung. Die Arbeiter soffen , sorgfältig nach Parteien und politischen Anschauungen getrennt, jeweils in verschiedenen Kneipen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg verloren die ihre politische Funktion, was hauptsächlich daran lag, dass sich die meisten Arbeiter in ihr Familienleben zurückzogen und ihre Interessen von den Partei- und Gewerkschaftsfunktionären vertreten ließen. Um dem damit verbundenen Umsatzrückgang entgegenzuwirken, entstand deshalb in den fünfziger Jahren die sogenannte ?Familiengaststätte”. Nun lagen gehäkelte Deckchen auf den Tischen, und im ehemaligen Hinterzimmer lief ab 1953 der Fernseher. Die Familiengaststätte überlebte nicht, die Deckchen blieben.Der Verbürgerlichung der westdeutschen Arbeiter stand kulturell aber auch eine Proletarisierung von Teilen des Bürgertums gegenüber. Die Arbeiterkneipen zogen mehr und mehr auch andere Schichten an und wandelten sich in Kiezkneipen. Das wurde dadurch begünstigt, dass die Wohnviertel durch verschiedene wohnungspolitische Maßnahmen bei weitem nicht mehr so homogen waren wie vor dem Krieg. Im Gefolge der Jugendrevolte 1968 entstanden ganz neue Kneipen, ?Szenekneipen”, die sich gern etwas abgeranzt gaben und sich des antibürgerlichen Impetus ihrer Betreiber wegen eher an den Arbeiterkneipen orientierten als an bourgeoisen Vorbildern.
Anfang der neunziger Jahre verstärkte sich in ganz Deutschland eine Entwicklung, die mit dem Verschwinden vieler herkömmlicher Eckstampen verbunden war. Dafür waren hauptsächlich gesellschaftliche Veränderungen (z.B.Sozialstruktur, Konsumverhalten usw.) verantwortlich. Aber das immer mehr Kneiper aufgaben, hing auch nicht unwesentlich mit der Politik der Brauereien zusammen, Flaschenbier billiger zu verkaufen als Fassbier. Ein Umstand, der den Kneipen das Überleben erschwert, denn er befördert auf dramatische Weise das Heimsaufen und die Abwanderung der Trunksüchtigen in die preiswerteren Imbissbuden, mehr oder minder eine Neuauflage des früheren Stehbierausschanks. Ebenso befördert wurde die Entstehung einer neuen Art von Wirtschaften ohne Fassbier. Natürlich entstehen immer wieder Lokale, die sich scheinbar an der altehrwürdigen Eckkneipe orientieren, neu eingerichtet mit Dart- und Spielautomaten. Ja, sie sind neu, und genau das ist wohl das Problem: ?Orte des kulturellen Gedächtnisses”, sind sie deshalb eben nicht.
Zwar gibt es in den letzten Jahren eine gewisse Besinnung auf die Eckkneipe alten Typs, hervorgerufen durch das Interesse von Leuten, die da vorher nie reingegangen sind, einer der Clubs und Nachtbars überdrüssigen Klientel. Zu Stammgästen werden sie jedoch eher selten. Und es ist leicht voraussehbar, dass sich mit ihnen der Charakter der Kneipen ¬ wieder einmal ¬ verändern wird.